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Post von Wolf Biermann

Das Bild den Autor Roman Grafe bei einer Lesung mit dem Deutschkurs des 11. Jahrgangs.

Mitte November war der Autor Roman Grafe zu Gast am Gymnasium am Tannenberg. Bei seinem Besuch im Deutschkurs der 11. Klasse hatte er seinen Sammelband „Die Schuld der Mitläufer. Anpassen oder Widerstehen in der DDR“ dabei. In dieser ungewöhnlichen Unterrichtsstunde konnte er nicht nur über oppositionelle DDR-Literatur sprechen, sondern hatte auch einen besonderen Brief mitgebracht. Am Vorabend hatte er Wolf Biermann, einem der Autoren seines Sammelbandes, geschrieben und von der bevorstehenden Lesung berichtet. Biermann, der nach 1976 aus der DDR ausgebürgert worden war, antwortete umgehend und griff in seiner Antwort an Roman Grafe auch Arno Esch auf, an dessen politische Verfolgung eine Gedenktafel im Foyer unseres Gymnasiums erinnert:

„Ja, Roman, des ermordeten jungen Mannes Arno Esch wird also in Grevesmühlen gedacht, nicht weit von meinem Kaff Gadebusch, wo ich meine ersten DDR-Lektionen erlebte, 1953 bis 1955. Der blutjunge Jurastudent wollte, daß die LDP in der DDR eine liberale Partei wird ... Und konnte offenbar nicht mal ahnen, daß die sogenannten Blockparteien – nur scheinbar absurd – auf Befehl des Großen Bruders von Stalins Kommunisten an blutiger und noch viel kürzerer Leine gehalten wurden als die SED selbst ... Sie sollten doch nur als Partei-Attrappen dienen, und besonders da durfte es keine Schwachstelle geben für irgendwelche Freiheits-Illusionen. Fast alle führenden Funktionäre, auch in der NDPD und der BAUERN-PARTEI und der OST-CDU, waren dreifach knallharte stalinistische Kader.

Voilà: Solch ein Satz war also sehr ungesund, denn er kostete das Leben – Arno Esch formulierte sein Todesurteil: Mein Vaterland ist die Freiheit.“

Neben Biermanns Brief brachte Roman Grafe auch einige Lieder Biermanns mit. Darüber hinaus erzählte er vom Berufsverbot des Liedermachers in der DDR 1965 und von den „Zersetzungsmaßnahmen“ der Stasi gegen ihn. Ein Schüler fasste die Botschaft der Lesung besonders gut zusammen: „Dass man nicht der Meinung der Masse folgen sollte, sondern selber denken.“

 

L. Heimrich