Ein Besuch im Dokumentationszentrum Schwerin

Wir, der Geschichtsleistungskurs der Klasse 11/1, hatten am 04. April 2020 die Gelegenheit Einblicke in das ehemalige Justizgefängnis der DDR in Schwerin zu erhalten.
Begrüßt wurden wir durch eine kleine Ausstellung mit früheren Staatssicherheitsaufnahmen, durch die wir mit der Thematik der Politischen (Untersuchung) Haft vertraut gemacht wurden. Danach wurden uns frühere Zellen des Gefängnisses von der Leiterin der Gedenkstätte, Frau Müller, genauer gezeigt. In kleinen Gruppen konnten wir uns dann mit persönlichen Schicksalen in der DDR-Zeit vertraut machen. Den Abschluss bildete ein emotionales Zeitzeugengespräch bei dem uns ein konkretes Schicksal näher erläutert wurde. Durch den Austausch mit der ehemaligen Inhaftierten und den damit verbundenen Schrecken von denen uns berichtet wurde, erhielten wir einen grausamen, aber doch sehr lehrreichen Einblick in das Justizgefängnis der DDR. Für diesen außergewöhnlichen Tag wollen wir uns im Namen der gesamten Klasse 11/1 rechtherzlich bei Frau Müller Bedanken.

Geschichtsunterricht mit Zeitzeuge Herr Rehbein

Geschichtsunterricht mit Zeitzeuge Rehbein am 13.09.2012

 

Herr Rehbein kam aus Berlin angereist, um den Schülerinnen und Schülern der 10. Klassen von seinen erschütternden Erlebnissen in sowjetischer und später in DDR-Haft zu berichten. Erst 1994 wurde er rehabilitiert. Nachdruck verlieh er seinem Vortrag durch einen kurzen Film, den er selbst an den Orten seiner Haft gedreht hat, sowie durch das Vorlesen einiger Passagen aus seiner Autobiographie „Gulag und Genossen“.

 

Rehbein wurde 1952 im Alter von 19 Jahren in Gera verhaftet. In der NKWD-Zentrale in Berlin-Karlshorst wurde er vernommen und gefoltert. Der Anlass seiner Verhaftung war seine Frage: „Warum erhalten wir Lebensmittelkarten?“ – Ihm wurde Spionagetätigkeit vorgeworfen; über Monate saß er in Einzelhaft, und er wurde immer wieder gezwungen, seine Unterschrift unter Vernehmungsprotokolle zu setzen. Das Urteil, das über ihn gefällt wurde, lautete schließlich 25 Jahre Haft. Rehbein wurde nach Workuta deportiert, wo Qual, Elend, Sklaverei und Unmenschlichkeit regierten. Dazu kam noch die Strenge eines 9 Monate andauernden Winters bei bis zu minus 50 Grad. Mit großer Dankbarkeit denkt Rehbein noch heute an Kanzler Adenauer, der in Moskau die Freilassung und Heimkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen erreichte, in deren Zuge auch Rehbein freikam.

 

In Workuta gab es insgesamt 40 Lager mit jeweils 3000 Gefangenen. Rehbein beschreibt diese als Selbstvernichtungslager; ohne Unterschied waren hier auch Schwerstkriminelle untergebracht, die z.T. Kommandoaufgaben innehatten. Nur die Kameradschaft mit einigen Mithäftlingen habe Rehbein immer wieder Hoffnung gegeben und ihm somit das Leben gerettet.

 

Die Vernehmungen in Workuta fanden nachts jeweils zwischen 21 und 5 Uhr statt. Als er sich weigerte, Vernehmungsprotokolle in russischer Sprache zu unterschreiben, die er nicht lesen konnte, wurde ihm die Daumenkuppe abgeschlagen. Eine ärztliche Versorgung bekam er danach nicht, dafür wurde ihm die Erschießung angedroht, falls er nicht unterschreibe. Als er sich weiterhin weigerte (da er den Tod in dieser Situation als eine Erlösung ansah), wurde ihm damit gedroht, dass seine Familie in Sippenhaft genommen würde. Diese Drohung bewegte ihn schließlich zur Unterschrift.

 

Seine Zelle hatte kein Fenster, so dass Tag und Nacht bald nicht mehr zu unterscheiden waren, durch die Missernährung litt er an Vitaminmangel. Als es zu einem Streik im Lager kam, wurden 60 Häftlinge erschossen.

 

Nach seiner Freilassung wieder in der DDR, griff er bei einer Geburtstagsfeier in einer Gaststätte 1968 ein Parteimitglied an. Dieser Mann war ihm aus der Zeit seiner Verhaftung bekannt, und mit einer zynischen Anspielung auf die damaligen Vorgänge hatte er Rehbein provoziert. Daraufhin wurde Rehbein erneut verurteilt, diesmal zu 4 Jahren Haft in Bautzen (mit der offiziellen Begründung „Raub“, da er dem Parteimitglied in der Gaststätte die Parteinadel angerissen hatte). Ab 1982 hatte Rehbein keine Arbeitserlaubnis mehr und wurde ständig beobachtet.

 

Vor zwei Jahren erst lernte Rehbein seine heute 56 Jahre alte Tochter kennen, die ihm gestand, bis zuletzt in dem Glauben gelassen worden zu sein, er sei ein Verbrecher.

Als 1989 70000 Menschen in Leipzig demonstrierten, hatte Rehbein die Gewissheit: „Sie können mich nicht bis zum letzten Tag meines Lebens beherrschen.“ – Seine Stasi-Akte hat Rehbein mittlerweile auch eingesehen, in der detailliert festgehalten ist, wie die Staatssicherheit ihn zur Schaffung juristischer Beweismittel in die Gaststätte Hermsdorfer Kreuz hat einladen lassen, um dort unbemerkt seine Brieftasche zu entwenden und zu fotokopieren. – Ein großer Wunsch von ihm ist es noch, einmal Gorbatschow zu treffen.